Was hat VR mit LitRPG zu tun?

Warum Beat Saber Teil meines Schreibprozesses geworden ist

Vielleicht war es irgendwann unvermeidlich, dass ich mir eine VR-Brille kaufen würde. Spätestens nach Sword Art Online war die Vorstellung, nicht nur auf einen Bildschirm zu schauen, sondern möglichst tief in eine virtuelle Welt einzutauchen, ziemlich fest in meinem Kopf verankert. Natürlich ist heutige Virtual Reality noch weit von dem entfernt, was Geschichten wie Sword Art Online daraus machen. Ich liege nicht irgendwo mit einem NerveGear auf dem Kopf und wache in einer anderen Realität auf – vermutlich auch besser so. Aber irgendwann wollte ich trotzdem wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein Spiel nicht mehr nur vor mir stattfindet, sondern um mich herum.

Also zog eine VR-Brille bei mir ein. Und irgendwann auch Beat Saber.

Seitdem ist es ziemlich eindeutig mein Lieblingsspiel in VR.

Das Prinzip könnte kaum simpler sein: Musik läuft, Blöcke fliegen auf mich zu, und ich muss sie im richtigen Winkel und im richtigen Rhythmus mit zwei virtuellen Lichtschwertern treffen. Eigentlich sollte das nach ein paar Minuten langweilig werden. Tut es nur nicht. Zumindest bei mir überhaupt nicht.

Denn Beat Saber verbindet gleich mehrere Dinge, die ich ohnehin liebe: Musik, Gaming, Bewegung und Fortschritt. Und vielleicht erklärt genau das, warum ich dabei automatisch wieder bei LitRPG lande.

Bei einem normalen Spiel sehe ich meinen Charakter stärker werden. Ich verteile Punkte, bekomme bessere Ausrüstung oder schalte neue Fähigkeiten frei. Bei Beat Saber gibt es dieses klassische RPG-System nicht. Mein Avatar bekommt keine fünf Punkte auf CONTROL, weil ich denselben Song zum zwanzigsten Mal spiele.

Aber ich werde besser.

Am Anfang wirken manche Bewegungen vollkommen unmöglich. Die Blöcke kommen zu schnell, die Richtungen wechseln zu abrupt, die Arme machen irgendetwas, nur nicht das, was sie sollen. Dann spielt man denselben Song wieder. Und wieder. Und noch einmal.

Irgendwann trifft man eine Passage, an der man vorher jedes Mal gescheitert ist.

Noch später denkt man überhaupt nicht mehr darüber nach.

Der Körper hat gelernt.

Und plötzlich erinnert mich das erstaunlich stark an das, was ich an Progression Fantasy und LitRPG so mag. Fortschritt muss nicht immer durch eine eingeblendete Zahl sichtbar werden. Manchmal merkt man ihn einfach daran, dass etwas, das gestern noch unmöglich wirkte, heute funktioniert.

Vielleicht mag ich Beat Saber auch deshalb so sehr, weil sich Fortschritt dort besonders unmittelbar anfühlt. Es gibt keine Figur zwischen mir und dem Spiel. Ich drücke keinen Knopf und sehe anschließend eine Animation. Ich muss die Bewegung selbst machen. Wenn meine Reaktion zu langsam ist, merke ich es. Wenn mein Timing nicht stimmt, ebenfalls. Und wenn ich irgendwann schneller und präziser werde, dann ist das keine Verbesserung eines virtuellen Charakters, sondern tatsächlich meine eigene.

Für jemanden, der LitRPG schreibt, ist das überraschend interessantes Anschauungsmaterial.

Denn eine Frage beschäftigt mich beim Schreiben immer wieder: Wie fühlt sich ein steigender Wert eigentlich an?

Was bedeutet es für einen Menschen, wenn seine Reaktion besser wird? Wenn Bewegungen präziser werden? Wenn er plötzlich etwas schafft, wozu sein Körper vorher nicht in der Lage war?

CONTROL +1

Das dauert eine Sekunde.

Aber die eigentliche Geschichte beginnt für mich erst danach. Merkt die Figur sofort einen Unterschied? Fühlt sich eine Bewegung plötzlich natürlicher an? Ist eine Waffe leichter zu kontrollieren? Reagiert der Körper schneller, als der Kopf es gewohnt ist?

VR ist natürlich kein echtes LitRPG-System. Aber sie gibt mir manchmal ein erstaunlich gutes Gefühl dafür, wie stark Wahrnehmung und Körper miteinander verbunden sind.

Wenn ich Beat Saber spiele, denke ich nicht:

Jetzt linke Hand in einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Grad nach unten.

Zumindest nicht mehr, wenn ich einen Song oft genug gespielt habe.

Ich sehe den Block.

Und irgendwann reagiert der Körper einfach.

Genau solche Momente interessieren mich beim Schreiben. Der Punkt, an dem etwas nicht mehr bewusst ausgeführt werden muss, sondern zu einer Fähigkeit geworden ist.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb VR für mich irgendwann mehr wurde als nur Spielen. Sie ist Teil meines Schreibprozesses geworden.

Nicht im Sinne von: Ich setze die Brille auf und schreibe danach automatisch ein besseres Kapitel. Schön wäre es.

Aber Schreiben bedeutet für mich oft, sehr lange im Kopf festzustecken. Szenen durchzugehen. Dialoge zu verändern. Probleme zu lösen. Eine Mechanik zehnmal neu zu denken, weil irgendwo eine Regel nicht funktioniert. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem weitere zehn Minuten auf denselben Absatz zu starren überhaupt nichts mehr bringen.

Dann brauche ich Bewegung.

Und Musik.

Beides bekomme ich bei Beat Saber gleichzeitig.

Ich kann einen Song hören, den ich ohnehin mag, mich bewegen und für eine Weile aufhören, bewusst über eine Szene nachzudenken. Und erstaunlich oft passiert genau dann das, was beim Schreiben am Schreibtisch nicht funktioniert hat: Irgendwo im Hintergrund sortiert sich etwas.

Eine Szene bekommt plötzlich einen besseren Rhythmus.

Ein Kampf fühlt sich klarer an.

Oder mir fällt eine Lösung für ein Problem ein, an dem ich vorher festhing.

Vielleicht ist das gar nicht besonders mystisch. Das Gehirn beschäftigt sich schließlich weiter mit Dingen, auch wenn wir nicht bewusst auf sie starren. Aber für mich gehört dieses Wechseln zwischen Schreiben, Musik und Spielen inzwischen einfach zusammen.

Und Beat Saber ist dafür beinahe das Nonplusultra.

Es gibt noch einen anderen Grund, weshalb mich VR im Zusammenhang mit LitRPG fasziniert. Das Genre spielt sehr häufig mit der Grenze zwischen einer Welt, die wir für real halten, und Regeln, die wir eigentlich aus Spielen kennen. Statusanzeigen schweben plötzlich im Blickfeld. Informationen erscheinen dort, wo vorher nichts war. Ein Mensch betrachtet seine Umgebung und bekommt zusätzliche Daten darüber geliefert.

Mit einer VR-Brille oder Augmented Reality ist zumindest ein winziger Teil dieser Vorstellung heute schon erstaunlich leicht nachvollziehbar.

Natürlich weiß ich, dass das Bild vor meinen Augen von einem Headset erzeugt wird. Trotzdem reagiert mein Körper manchmal auf virtuelle Dinge, als wären sie tatsächlich da. Ich weiche aus. Ich strecke die Hand nach etwas aus. Ich erschrecke, obwohl ich genau weiß, dass sich mitten in meinem Wohnzimmer kein echtes Hindernis befindet.

Und genau dieser Widerspruch ist für Geschichten unglaublich spannend:

Was passiert, wenn das Interface irgendwann nicht mehr nur virtuell ist?

Wenn eine Zahl tatsächlich etwas über deinen Körper aussagt?

Wenn eine Warnung nicht aus einem Spiel stammt?

Wenn das Ding, das auf dich zukommt, nicht verschwindet, sobald du die Brille absetzt?

Vielleicht lande ich gedanklich deshalb so schnell von VR wieder bei LitRPG. Virtual Reality versucht, Spielwelten ein Stück realer erscheinen zu lassen. LitRPG macht häufig etwas Ähnliches in die andere Richtung: Es nimmt Spielmechaniken und fragt, was passieren würde, wenn sie plötzlich Bestandteil einer realen Welt wären.

Und irgendwo dazwischen stehe ich dann mit zwei virtuellen Lichtschwertern im Wohnzimmer, höre viel zu laut Musik und versuche, meinen nächsten Highscore zu schlagen.

Man könnte vermutlich behaupten, ich mache gerade Pause vom Schreiben.

Ich nenne es lieber Recherche. ^^