Leseprobe aus Kapitel 1
Sechs Wagen lauerten in der Tucholskystraße, doch niemand stieg aus.
Jack zählte sie im Vorbeigehen. Zwei Übertragungswagen mit ausgefahrenen Antennen, ein Kombi mit RBB-Logo, drei ohne. Der Regen lief über die Windschutzscheiben und verbarg die Gesichter dahinter, aber die Monitore im Innern flackerten und lautstarke Gespräche drangen durchs dünne Blech. Kameras, Mikrofone, Kabelrollen – alles griffbereit auf den Rücksitzen, falls sich etwas änderte. Oder zuspitzte. Oder in Luft auflöste, so wie Tausende Menschen in Mitte vor neun Stunden.
»Aasgeier«, knurrte eine Frau unter ihrem Regenschirm, laut genug, dass es die Journalisten im Wagen hören konnten. Reagieren aber tat keiner, auch nicht die, aus deren heruntergekurbeltem Fenster dicker Zigarettenqualm drang.
Jack ging kommentarlos weiter. In seinen Stiefeln schwappte das Wasser; es tropfte von seinen Haaren und aus dem Kragen der ausgeleierten Jacke. Ab Bernauer war die U8 nicht weitergefahren, und danach hatte es Stunden gedauert, sich durch eine Stadt zu schlagen, die alles gleichzeitig versuchte: raus aus Mitte, rein nach Mitte, nach Hause, weg, näher ran. Und über den Dächern kreisten seither Hubschrauber.
Auf dem Weg hierher hatte er die Leute reden hören. Seit den ersten Meldungen erzählten sie sich dieselben Geschichten.
»Terroranschlag. Janz sicher.«
»Nee, da ist was ausgetreten. Irgendwas Chemisches.«
»Ich hab die Videos gesehen. Das ist KI, Digga. Das ist alles KI.«
»Und die Absperrung ooch? Die Bullen ooch? Die Hubschrauber ooch?«
Sie wetteten darüber, ob es sich ausweitete oder ob am Ende alles ein großer, mieser Gag war. Jack wollte glauben, dass es Letzteres war. Nicht, weil er es amüsant gefunden hätte, sondern weil es die kalkulierbarere Krise blieb. Dass sich ein halber Bezirk auflöste, war Humbug. Auf den Witz dahinter wartete er aber immer noch.
»Bitte treten Sie zurück. Dieser Bereich bleibt frei!«
Jack wurde langsamer, auch wenn die Worte der Polizistin nicht ihm galten. Weiter vorne, kurz bevor die Tucholskystraße die Auguststraße kreuzte, hatten sie die Fahrbahn mit Flatterband und Bauzäunen dichtgemacht. Zwei Mannschaftswagen der Berliner Polizei standen davor: sechs Beamte, vier von ihnen mit Maschinenpistolen vor der Brust. Die anderen zwei sprachen mit Passanten.
»Zurücktreten bitte«, wiederholte der eine.
»Wir stehen doch gar nicht …«
»Bitte zurücktreten!«
Rechts auf dem Bürgersteig standen die Eltern. Fünfzehn vielleicht, unter Schirmen und Regenjacken, ausgeleuchtet vom Flutlicht des THW, damit sie nicht in die herumstehenden Fahrräder am Straßenrand stolperten. Eine Frau hielt ihr Handy hoch und ging damit den Bordstein entlang, den Arm gestreckt, als suche sie Empfang.
»Er müsste uns doch hören«, sagte einer der Väter. »Das sind keine zweihundert Meter.«
Jack blieb stehen, bevor er in das blaue Flutlicht vom THW trat. »Scheiße«, murmelte er, einfach, weil es rausmusste. Unter den Eltern dagegen tauchte ein blasses Gesicht auf – das seiner Schwester. Tessa.
Ihre verweinten Augen fanden ihn, bevor er sich auf das Kommende vorbereiten konnte. In ihrer Miene lag erst Wut, dann Erleichterung. Letzteres zu sehen rief etwas Unangenehmes in ihm hervor.
»Jacek«, sagte sie, ohne dass er es wirklich hören konnte. Neben ihm brummten die Anlagen des THW, und irgendwo riefen Polizisten die Gaffer auf, nicht in die Nähe der Absperrung zu kommen. Er sah aber, wie es ihre Lippen formten. Dann erst hörte er ihre Stimme.
»Verflucht, ich habe dich elfmal angerufen!«
Jack ging zu ihr und registrierte seinen steigenden Puls. Die Nässe in seinen Schuhen fühlte sich mit einem Mal eisig an, nicht mehr warm wie eben. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und blieb dann doch stehen, die Arme halb erhoben. Er hob seine nicht, und so ließ sie ihre wieder sinken.
»Tut mir leid, aber die Stadt ist dicht«, sagte Jack, als wäre es eine Information, die irgendwas erklärte. »Und ich wusste nicht, ob …«
»Was? Ob’s wichtig ist? Die sind da drin, Jacek! Niemand sagt uns, wieso, aber die sind da drin!«
Jack blickte nach vorne, jenseits der flatternden Bänder und Straßensperren. Häuser, Cafés und Kneipen säumten sie. Nichts wirkte verändert, doch das hier war Berlin; die ganze Straße jenseits der Blockade lag im Stockdunkeln, menschenleer.
Und Berlin war nirgends menschenleer.
»Ich habe ein paar Leute reden hören.« Jacek deutete Richtung Kreuzung, weit hinter den Absperrungen. »Sie meinten, man könne nicht hindurchsehen.«
»Kann man auch nicht.« Tessa schauerte in ihrem Mantel, das Gesicht im Schatten. »Bevor sie die Absperrung ausgeweitet haben, standen wir näher dran und konnten es mit eigenen Augen sehen. Die eigentliche Barriere liegt weiter hinten. Jacek, es ist … gruselig. Mir fällt kein besseres Wort ein. Ich habe diese Barriere vor mir gehabt, aber da war nichts. Als würde ich in einen Abgrund sehen.«
»Wieso war Damian dort?«
»Wieso? Weil … Gott, warum ist das deine Scheißfrage? Es war ein Schulausflug ins Museum, okay? Das Wieso spielt gar keine Rolle! Dami könnte … ich meine, niemand sagt uns was! Die schreien ständig, wir sollen Abstand halten, nicht näher, nicht mal …« Sie riss ihr Handy hoch und streckte es Jack entgegen. »Ich habe ihm Hunderte Nachrichten geschickt! Siehst du? Hier! Sie kommen nicht an! Dabei müssten sie uns sogar hören! Herr Berendts sagt das auch. Das Museum ist einen Steinwurf von hier entfernt!«
»Was ist mit den anderen Leuten, die heute Morgen in Mitte waren?«
Tessa ließ das Telefon sinken und starrte Jack an. »Mich interessiert Damian! Er ist auch dein Bruder, du Arsch! Und ich hab dich elfmal versucht zu erreichen, bevor du überhaupt …«
Jack ließ seine Hände in den Taschen verschwinden. Seine Augen hafteten auf der menschenleeren Straße jenseits der Flatterbänder. Ein Glimmen in der Ferne vielleicht, das er glaubte, sich einzubilden. »Hab mich doch schon entschuldigt. Also«, meinte er, bevor sie wieder lauter werden konnte, »was genau hat man euch gesagt? Keiner riegelt Dutzende Straßen ab, ohne eine Erklärung zu liefern.«
Tessa schluckte. Vielleicht war es die Wut, die sie nicht noch weiter befeuern wollte, oder ein Kommentar, der ihr auf der Zunge lag. Bevor sie aber den Mund aufmachte, atmete sie durch. »Die haben … die haben halb Mitte gesperrt, weil jeder, der auf dieses Etwas zugegangen ist, plötzlich weg war. Das musst du doch gehört haben! Maras Vater hat’s versucht, heute Nachmittag, genau hier. Die Polizei wollte ihn festhalten, aber er ist durch, und wir haben alle hingesehen. Jeder hat hingesehen! Die haben es sogar gefilmt.« Ihre Stimme zitterte, und sie nickte undeutlich zu den parkenden Wagen am Straßenrand. »Er ist noch ein Stück gelaufen. Fünfzig Meter vielleicht. Und dann war er weg. Er ist nicht umgefallen. Er hat nicht geschrien. Er war weg!«
Der Regen fiel gleichmäßig auf die Schirme und ergab ein feines, dumpfes Geräusch.
»Wie ist er durchgekommen?«
»Was?«
»Maras Vater.« Jack sah zu der Lücke zwischen den Mannschaftswagen. »Wie ist er an denen vorbeigekommen?«
Tessa starrte zu den anderen Leuten hinüber und zuckte mit den Schultern. Sie zitterte, wahrscheinlich, weil ihr kalt war. Oder weil sie gleich heulte.
»Was weiß ich. Er war eben schneller als die. Anderswo haben es die Menschen ja auch geschafft. Ich konnte es mir nicht ansehen. Es ist Irrsinn. Niemand weiß, was mit den Kids hinter dieser Wand ist. Und Dami …« Sie ließ das Handy sinken und wischte sich übers Gesicht, um Regen und Tränen loszuwerden. »Was machen wir jetzt? Irgendwas müssen wir machen. Damian ist sechzehn. Ich will gar nicht dran denken, was für einen Schiss er hat. Ich kann’s gar nicht, weil keiner uns sagt, was da drinnen vor sich geht. Jemand meinte vorhin, sie rechnen mit über zwanzigtausend Leuten. Zwanzigtausend, Jacek! Womit rechnen sie? Dass die Leute … dass ihnen was zugestoßen ist?« Tessa zuckte zusammen. Es schien ihr Stichwort, denn sie begann zu schluchzen und packte Jacks Ärmel. »Was, wenn ihnen was Grausames angetan wird, und wir stehen rum und tun nichts?«
Jack widerstand dem Bedürfnis, seiner Schwester den Arm zu entziehen, weil er wusste, dass es sie nur weiter aufheizte. »Neun Stunden und achtunddreißig Minuten«, sagte er stattdessen und ignorierte, dass sie ihn haltlos anstarrte. »Seit sie verschwunden sind. Wasser und Nahrung spielen noch keine Rolle. Die Kälte auch nicht, wenn sie sich in diesem Museum aufhalten.«
»Jacek!«
»In Museen gibt es fließend Wasser, Tessa. Der Druck ist möglicherweise weg, aber in den Spülkästen der Toiletten bleibt was drin. Und in den Innenräumen wurde geheizt. Die Kälte wird also auch noch nicht zum Thema.« Er sah zu der Lücke zwischen den Mannschaftswagen. »Damian macht Kraftsport, wiegt um die 70 Kilo. Er kühlt langsamer aus als ein Klappergestell. Das ist gut, und es heißt, er müsste sich nicht vom Fleck bewegen. Sobald sich das Problem löst, wird man ihn finden. Vermutlich im Museum, wenn seine Aufsichtspersonen mitdenken.«
»Herrgott!«, fluchte Tessa, senkte aber die Stimme. »Lehrer sind Menschen, keine Maschinen! Die haben alle Panik, Jacek, ob es für dich logisch ist oder nicht! Du bist ja nicht da drinnen, oder? Und die Wahrscheinlichkeit, dass einer von denen wie du sein könnte …« Sie biss sich plötzlich auf die Lippe, hob die Hand, schluchzte und fuhr sich durchs Gesicht. »Entschuldige. Ich wollte nicht … Du meinst es gut, ich weiß. Lass es trotzdem, bitte.«
Er kannte den Ton. Er hörte ihn, seit er zwölf war, und er hatte nie herausgefunden, was er in dem Moment davor falsch gemacht hatte. Bei ihrer Mutter hatte es schärfer geklungen. Bei Tessa klang es, als täte es ihr leid.
Sie standen eine Weile schweigend nebeneinander. Der Regen fiel weiter, ein Hubschrauber zog über die Dächer und verschwand Richtung Fernsehturm. Irgendwann kam eine Polizistin auf sie zu.
»Frau Ohlsen?«
Tessa wandte sich um. »Alles gut, ich bin okay. Unser Bruder ist jetzt hier. Sobald Damian gerettet wurde, bringt er uns nach Hause.«
Jack spürte den Blick der Polizistin. Er sah auch ihr Gesicht, und in ihren Augen lag ein Mitleid, das nichts versprach. Gar nichts. Vor allem keine neuen Erkenntnisse.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken, ohne dass er es verhindern konnte. Das tat er manchmal, unabhängig vom Rest. Tessa hatte oft genug behauptet, im Nichtsfühlen wäre er hervorragend. Manchmal aber schien sich sein Körper noch zu erinnern.
»Sie sollten zur Betreuungsstelle, Frau Ohlsen. In der Linienstraße, das sind fünf Minuten. Lassen Sie sich von Ihrem Bruder hinbringen.«
»Nein«, sagte Tessa. »Später vielleicht, aber nicht jetzt. Gibt es was Neues? Hat man irgendwas gehört? Wird noch mal jemand reingehen?«
Die Polizistin verneinte mit einem Kopfschütteln. Ihre Haare waren klitschnass. »Hier nicht, aber am Alexanderplatz hatte es die Bundespolizei vor einer Stunde noch mal versucht. Der Funkkontakt ist abgerissen, gleich nachdem sie durch waren. Genau wie bei den Versuchen davor.« Sie machte eine Pause, als überlege sie, wie viel sie sagen durfte. »Ich glaube nicht, dass es heute Abend noch mal versucht wird. Gehen Sie jetzt, Frau Ohlsen. In der Linienstraße werden Sie über alles informiert, sobald es was …«
»Maras Vater …«
Die Polizistin stockte und auch Tessa drehte sich zu ihrem Bruder um. Keiner hatte auf ihn geachtet, doch er stand der Absperrung plötzlich näher als vorher und nickte an den Mannschaftswagen vorbei. »Dort ist er durchgegangen?«
»Ja, dort.« Die Polizistin versteifte sich und sah in dieselbe Richtung. »Aber wo er jetzt ist, weiß niemand. Wir haben Drohnen durchgeschickt. Funkgeräte. Wir haben keinen Kontakt herstellen können. Zu keinem von denen da drin. Im Moment … im Moment müssen wir mit allem rechnen.«
»Auch dass die Menschen tot sind«, sagte Jack und erntete den Blick, den er immer erntete, wenn er aussprach, was offensichtlich schien.
Die Polizistin schluckte. Nickte irgendwann.
»Auch das, ja.«
Bald geht es weiter