Wenn Fortschritt sichtbar wird
Es gibt dieses kleine, ziemlich befriedigende Gefühl in LitRPG: Noch 30 XP. Noch ein Gegner. Dann: LEVEL UP. Ein neuer Attributpunkt, eine stärkere Fähigkeit, ein Skill, der plötzlich etwas möglich macht, das zwanzig Seiten vorher noch unmöglich gewesen wäre. Eigentlich ist daran nichts neu. Figuren werden in Geschichten seit jeher stärker, geschickter, klüger oder mächtiger. Fantasyhelden lernen Magie, Krieger trainieren, Zauberer erschließen neue Fähigkeiten. LitRPG macht nur etwas Besonderes damit: Es macht diesen Fortschritt sichtbar. Und ich glaube, genau darin steckt ein großer Teil dessen, was das Genre so befriedigend macht.
Meine erste Begegnung mit diesem Gefühl hatte ich lange, bevor ich überhaupt wusste, dass es dafür Begriffe wie Progression Fantasy gibt. Mit ungefähr vierzehn Jahren las ich Dave Duncans Pandemia-Saga – und bis heute ist sie eine meiner liebsten Fantasyreihen. Rap beginnt seine Geschichte als Stallbursche und kommt irgendwann mit den sogenannten Worten der Macht in Berührung. Jedes dieser Worte verändert, was er kann. Mit jedem weiteren Wort wächst seine Macht, seine Möglichkeiten werden größer, die Dimensionen der Geschichte verändern sich – bis seine Entwicklung schließlich in Bereiche reicht, die am Anfang vollkommen unvorstellbar gewesen wären. Bis hin zu einem Gott.
Damals hätte ich das vermutlich einfach als fantastische Magie bezeichnet. Heute weiß ich, was mich daran so fasziniert hat: Ich konnte Raps Entwicklung nachvollziehen. Er war nicht einfach plötzlich mächtiger, weil die Geschichte es verlangte. Es gab eine erkennbare Mechanik dahinter. Ein Wort bedeutete etwas. Das nächste bedeutete mehr. Jede neue Stufe eröffnete neue Möglichkeiten und erzeugte gleichzeitig die Frage: Was passiert, wenn er noch weiterkommt? Genau dieses Gefühl finde ich heute in Progression Fantasy und besonders deutlich in LitRPG wieder.
Denn Progression besteht nicht nur aus dem Moment, in dem eine Figur stärker wird. Mindestens genauso wichtig ist das Versprechen davor. Wenn ein Charakter Level 4 erreicht und wir wissen, dass Level 5 existiert, entsteht automatisch eine Erwartung. Was verändert sich beim nächsten Aufstieg? Welche Fähigkeit kommt dazu? Reicht die aktuelle Stärke für den nächsten Gegner? Was wird die Figur mit ihren neuen Möglichkeiten anfangen? Das Ziel wird sichtbar, noch bevor es erreicht wurde.
Natürlich gibt es solche Entwicklungen auch in klassischer Fantasy. Ein Charakter trainiert, lernt Magie oder wächst an seinen Erfahrungen. Die Grenze zwischen vorher und nachher bleibt dabei aber oft fließend. LitRPG kann diese Grenze markieren.
SKILL ERHALTEN.
LEVEL 7.
Die Zahl selbst ist dabei für mich gar nicht das eigentlich Spannende. Interessant wird sie erst durch das, was sie verspricht. LitRPG wird gerne auf das Prinzip „Numbers go up“ reduziert: Die Zahlen steigen, und unser Gehirn freut sich darüber. Ganz falsch ist das wahrscheinlich nicht. Aber für mich reicht das allein nicht. Wenn ein Charakter von Stärke 10 auf Stärke 20 steigt und sich anschließend nichts verändert, ist die Zahl bedeutungslos. Ein Wert wird erst interessant, wenn ich seine Auswirkungen in der Geschichte tatsächlich spüren kann.
Mehr Stärke sollte einen Unterschied machen. Mehr Kontrolle sollte etwas ermöglichen, das vorher zu unpräzise oder zu schwierig war. Eine neue Fähigkeit sollte Situationen verändern. Und irgendwann passiert etwas, das ich an guten Progressionssystemen besonders mag: Probleme, die gestern noch unlösbar waren, werden heute lösbar – und machen dadurch Platz für größere Probleme. Progression sorgt also nicht nur dafür, dass eine Figur stärker wird. Sie sorgt dafür, dass sich die Möglichkeiten der Geschichte ständig erweitern.
Noch interessanter wird es, wenn dieser Fortschritt nicht automatisch abläuft. Eine Figur bekommt beispielsweise zwei Attributpunkte. Wohin damit? Mehr Kraft? Mehr Kontrolle? Mehr Widerstandsfähigkeit? Alles ein bisschen verbessern oder möglichst viel in genau den Wert investieren, der für den eigenen Stil entscheidend ist? Ab diesem Moment beobachten wir nicht mehr nur, dass eine Figur stärker wird. Wir beobachten, wie sie sich entscheidet, stärker zu werden.
Genau deshalb finde ich Builds so spannend. Progression wird dadurch gleichzeitig zu Charakterisierung. Ein vorsichtiger Charakter investiert vielleicht in Verteidigung und Überleben. Ein aggressiver Charakter maximiert Schaden. Jemand anderes sucht nach Synergien, reduziert Cooldowns oder versucht, ein System so effizient wie möglich auszureizen. Zwei Figuren können dieselbe Zahl an Leveln erreichen und trotzdem völlig unterschiedlich funktionieren. Der Weg nach oben sagt damit auch etwas darüber aus, wer diese Figur ist.
Vielleicht ist das überhaupt der Punkt, der mich an Progression am meisten reizt: Ich mag mächtige Figuren – aber noch lieber sehe ich ihnen dabei zu, wie sie mächtig werden. Der fertige Level-100-Charakter interessiert mich weniger als der Charakter auf Level 1, der gerade entdeckt, dass zwei scheinbar unscheinbare Mechaniken zusammen plötzlich etwas Großes ermöglichen. Ich möchte die Fehlentscheidungen sehen, die Versuche, die Sackgassen und den Moment, in dem jemand endlich versteht, wie das System funktioniert. Ich möchte erleben, wie eine Fähigkeit, die hundert Seiten zuvor kaum der Rede wert war, plötzlich über Sieg oder Niederlage entscheidet.
Bei Rap waren es damals die Worte der Macht. Keine XP-Leiste, keine Statusfenster, kein blinkendes LEVEL UP. Und trotzdem war das grundlegende Gefühl schon da: ein verständliches System, eine Figur, die innerhalb dieses Systems wächst, und die Gewissheit, dass jede neue Stufe Möglichkeiten eröffnet, die vorher unerreichbar waren. Rückblickend war die Pandemia-Saga für mich deshalb meine erste Begegnung mit genau der Art von Progression, die ich heute an diesem Genre liebe.
LitRPG gibt diesem Gefühl lediglich eine besonders deutliche Sprache: Level, XP, Stats, Skills, Builds. Begriffe, die vielen aus Spielen vertraut sind und sofort vermitteln, dass Fortschritt nicht nur passiert, sondern beobachtet, geplant und manchmal sogar optimiert werden kann. Hinter all den Zahlen steckt aber letztlich etwas sehr Klassisches: Wir wollen einer Figur dabei zusehen, wie sie etwas überwindet, an dem sie früher gescheitert wäre.
LitRPG erlaubt uns nur, jeden einzelnen Schritt auf diesem Weg zu sehen.
Und manchmal steht eben sogar eine Zahl daneben.