Woher kommt LitRPG eigentlich?

Von Rollenspielen, Anime und Webnovels zum System

LitRPG wirkt auf den ersten Blick wie eine ziemlich moderne Idee: Man nimmt Level, Erfahrungspunkte, Skills, Attribute und andere Mechaniken aus Rollenspielen und macht sie zu einem sichtbaren Bestandteil einer Geschichte. Wo genau das Genre beginnt, lässt sich allerdings gar nicht so einfach festlegen. Viele seiner Elemente existierten lange, bevor sich dafür ein gemeinsamer Begriff durchsetzte. Fantasy kannte schon immer Figuren, die lernen, trainieren und mächtiger werden. Pen-&-Paper- und Computerspiele machten Fortschritt irgendwann messbar. Charakterwerte, Erfahrungspunkte, Klassen, Ausrüstung und Fähigkeiten wurden zu einer eigenen Sprache. Später begannen immer mehr Geschichten, genau mit dieser Sprache zu spielen.

Deshalb würde ich bei LitRPG weniger von einem einzigen Ursprung sprechen als von verschiedenen Entwicklungslinien, die irgendwann zusammengefunden haben. Klassische Rollenspiele gehören genauso dazu wie Computer-RPGs und MMORPGs. Dort ist es völlig selbstverständlich, dass eine Figur Werte besitzt, Erfahrung sammelt, neue Fähigkeiten freischaltet und sich innerhalb eines festen Regelwerks entwickelt. Gleichzeitig entstanden vor allem in der asiatischen Popkultur immer mehr Geschichten, in denen virtuelle Welten, Games, Dungeons und sichtbare Charakterentwicklung eine wichtige Rolle spielten. Auch die russischsprachige Fantasy- und Onlineliteratur wird häufig genannt, wenn es darum geht, wie sich LitRPG als eigene Genrebezeichnung etabliert hat. Welche Geschichte nun tatsächlich die „erste LitRPG“ gewesen sein soll, überlasse ich deshalb lieber Literaturhistorikern und sehr mutigen Menschen in Internetforen.

Mein eigener Weg zu LitRPG verlief ohnehin nicht über eine Genrebezeichnung. Ich bin mit Anime aufgewachsen. Dragon Ball, Naruto, Bleach – das waren für mich ganz selbstverständlich Geschichten, in denen Figuren nicht einfach dieselben bleiben. Sie trainieren, scheitern, überschreiten Grenzen, lernen neue Techniken und treffen irgendwann auf Gegner, gegen die sie früher keine Chance gehabt hätten. Natürlich macht das diese Serien noch nicht automatisch zu LitRPG. Aber sie besitzen etwas, das auch für Progression Fantasy enorm wichtig ist: Machtzuwachs ist Teil der Geschichte. Man erlebt nicht nur, dass eine Figur stark ist. Man begleitet sie dabei, wie sie stärker wird.

Vielleicht erklärt das auch, warum mich Sword Art Online später sofort erwischt hat. Hier kam zu dieser Progression plötzlich etwas hinzu, das mir aus Spielen vertraut war: eine Welt mit Regeln, Leveln, Fähigkeiten, Ausrüstung und Gegnern. Eine Spielwelt war nicht länger nur Hintergrund, sondern bestimmte, was die Figuren konnten und welche Konsequenzen ihre Entscheidungen hatten. Ob man Sword Art Online nun selbst unter LitRPG einordnet, als GameLit bezeichnet oder eher als eng verwandten Vorläufer betrachtet, ist für mich dabei gar nicht so entscheidend. Für meinen persönlichen Weg war es eine der ersten Geschichten, bei denen diese Verbindung aus Erzählung und RPG-Mechanik wirklich hängen blieb. Und ich habe sie verschlungen.

Dann nahm mein Weg noch einen kleinen Umweg über Südkorea. Ich interessiere mich seit Jahren für koreanischen Pop – ja, BTS ^^ – und darüber bin ich irgendwann immer tiefer in koreanische Medien geraten. Manhwa und Webtoons waren da eigentlich nur eine Frage der Zeit. Und irgendwann landete ich natürlich bei Solo Leveling.

Damit war ich endgültig verloren.

Denn Solo Leveling verband mehrere Dinge miteinander, die ich ohnehin schon mochte: eine Figur, deren Entwicklung extrem deutlich nachvollziehbar ist, ein System mit Leveln und Fähigkeiten, Dungeons und Monstern – und gleichzeitig eine Welt, die zumindest noch erkennbar unsere eigene ist. Der Alltag existiert weiter, während etwas völlig Fremdes längst Teil dieser Realität geworden ist. Genau diese Mischung hat mich mindestens genauso sehr interessiert wie die eigentliche Progression.

Denn ich habe beim Lesen und Schreiben noch eine andere Schwäche: Apokalypsen.

Allerdings interessieren mich dabei weniger Geschichten, in denen innerhalb von fünf Minuten alles explodiert und die Zivilisation verschwunden ist. Viel spannender finde ich den Weg dorthin. Die Welt funktioniert zunächst noch. Menschen gehen zur Arbeit. Behörden versuchen, etwas abzusperren. Nachrichten suchen Erklärungen. Irgendwo passiert etwas, das niemand richtig versteht. Dann passiert es noch einmal. Und irgendwann beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass die vertrauten Regeln möglicherweise nicht zurückkommen.

Ich mag dieses langsame Kippen einer Welt.

Und genau dort trifft sich diese Vorliebe für mich wunderbar mit einer bestimmten Form von LitRPG: Geschichten, in denen das System nicht innerhalb eines Computerspiels bleibt, sondern plötzlich in die Realität eindringt. Menschen bekommen Fähigkeiten. Level werden real. Dungeons oder Monster tauchen dort auf, wo gestern noch Alltag war. Und aus einer theoretischen Spielerfrage wie „Welche Werte würde ich skillen?“ wird auf einmal etwas sehr Konkretes: Welche Entscheidung treffe ich, wenn ich mit den Konsequenzen tatsächlich leben muss?

Rückblickend fühlt sich mein Weg zu LitRPG deshalb erstaunlich logisch an. Schon mit Progression Fantasy mochte ich Geschichten, in denen sich Macht nachvollziehbar entwickelt. Anime haben dieses Gefühl über Jahre verstärkt: Training, neue Fähigkeiten, immer größere Herausforderungen. Sword Art Online verband für mich Progression mit einer Welt, die nach Spielregeln funktioniert. Über koreanische Popkultur und Manhwa kam schließlich Solo Leveling dazu – und damit die Mischung aus System, Dungeons, sichtbarer Entwicklung und einer modernen Welt, in die all das eingebrochen ist.

Vielleicht liegt darin auch eine der interessantesten Eigenschaften von LitRPG. Das Genre musste seine einzelnen Bestandteile gar nicht neu erfinden. Viele davon waren schon lange da: Fantasy kannte die Entwicklung ihrer Figuren, Rollenspiele lieferten Regeln und Werte, Games machten Progression sichtbar, und Romane, Anime, Light Novels, Webnovels und Manhwa experimentierten auf ganz unterschiedliche Weise mit diesen Ideen.

Irgendwann wurden daraus Geschichten, in denen die Spielregeln selbst Teil der Erzählung sind.

Und für mich wurde es spätestens dann richtig interessant, als diese Regeln anfingen, unsere Welt zu verändern.